Du kannst nicht logisch denken! Teil 1

Du kannst nicht logisch denken! Teil 1

Wenn es um das Thema Text- bzw. Sachaufgaben geht, wird dieser Satz sehr gerne gebraucht. Warum? Weil damit das Verhalten der Kinder beim Lösen des herausforderndsten Themas der Mathematik in der Volksschule erklärt wird. Aber hat es wirklich viel mit logischem Denken zu tun? Kann es nicht doch so sein, dass Kinder, welche Probleme beim Lösen von Sach- bzw. Textaufgaben haben, in ihrer Freizeit ein ausgeprägtes Verständnis für den Ablauf der Dinge – also einen „Hausverstand“ – haben?

An dieser Stelle muss aber ein Plädoyer für die Kompetenz des Kindes gehalten werden. Ein Kind, das kognitiv in der Lage ist, seit Jahren dem Unterricht zu folgen, das mehr oder weniger herausfordernde Situationen positiv gemeistert hat, das jeden Tag unter Beweis stellt, dass es „alltags- und lebenstauglich“ ist, darf nicht mit den Worten „Du kannst nicht logisch denken!“ abserviert werden. Das ist nicht fair, weil es nicht dem eigentlichen Problem beim Lösen von Sach- & Textaufgaben entspricht.

Schwierigkeiten der Kinder beim Lösen von Sachaufgaben:

Kinder können den Alltagsbezug des Textes nicht erfassen.

Sachaufgaben sollen im Unterricht den Alltag der Kinder widerspiegeln. Das bedeutet, dass sie tatsächlich erlebbare Geschichten aus dem Lebensumfeld der Kinder erzählen sollen. Das wäre wünschenswert, doch trifft dies oftmals nicht zu. Es ist nun mal nicht förderlich, im Unterricht Sachaufgaben anzubieten, die dem Alltag der Kinder nicht entsprechen. Folgendes Beispiel stellt dies klar dar.

„In einem Schuhgeschäft kosten 20 Paar Stiefel 280.-Euro. Wie viel kosten 7 Paar Stiefel?“

Nicht nur, dass Kinder eher nicht 7 Paar Stiefel kaufen würden, ist in keinem Geschäft der Preis für 20 Paar angeschrieben. In einem Gewand- oder Schuhgeschäft sind immer die Preise für 1 Stück / Paar angegeben. Wie sinnvoll ist diese Aufgabe, wenn sie den Lebensalltag verzerrt oder gar ganz falsch widerspiegelt?

Das Problem, welches hierbei verstärkt wird, ist, dass Kindern unbewusst weitervermittelt wird, dass Mathematik nichts mit ihrem Alltag zu tun hat. Die beschriebenen Schwierigkeiten des fehlenden Alltagsbezuges werden durch solche Aufgaben nur verstärkt. Auch hier wäre ein kritischer Blick auf die zu lösenden Sachaufgaben im Mathematikbuch wünschenswert. Der Mut zur Lücke macht bei solchen Aufgaben Sinn. Er fördert Kinder am Aufbau eines Grundverständnisses der Mathematik., da ihr Denken nicht mit alltagsfernen Sachgeschichten belastet wird.

Fehlende innere Bilder

Ein weiteres Hindernis ist das fehlende, innere Vorstellungsbild der erzählten Geschichte. Kinder können sich zu der oben beschriebenen Aufgabe bestimmt kein inneres Kopfkino machen, da sie sicher noch nie in ihrem Leben selbst erfahren haben, dass ein Schuhgeschäft 20 Paar Stiefel zu einem gemeinsamen Gesamtpreis anbietet.

Das bedeutet, den Kindern fehlt in ihrer Erinnerung die verwirklichte Handlung dieser Rechengeschichte. Sie müssten dieses innere Kopfkino aus unterschiedlichsten Erfahrungen konstruieren – das heißt „zusammenbasteln“. Das verbraucht Energie, was auf Kosten der Konzentration geht. Weiter zieht es die Aufmerksamkeit weg von der zu lösenden Aufgabe bzw. weg von der Rechenoperation, hin zu einer phantasievollen Konstruktion einer nicht vorhandenen Wirklichkeit.